Nicht-spezifische Nackenschmerzen

Nicht-spezifische Nackenschmerzen

Nacken verspannt? Aktiv werden statt schonen.

Physiotherapeutin

Michelle Huber

Physiotherapeutin

Das Wichtigste zuerst:

  • Nackenschmerzen sind in den allermeisten Fällen unspezifisch – das heißt, es lässt sich keine gefährliche oder strukturelle Ursache finden, und die Beschwerden bilden sich innerhalb weniger Wochen von selbst zurück [1]
    Bewegung ist die wirksamste Maßnahme, die du selbst ergreifen kannst – Schonung dagegen bringt keinen Vorteil und kann den Verlauf sogar verlängern [1,2]
    Viele passive Anwendungen (Elektrotherapie, Ultraschall, Kinesiotape, Bäder) zeigen in Studien keinen belegten Zusatznutzen [1]


Frau Weber, 42 Jahre alt, arbeitet im Homeoffice am Laptop. Seit einigen Wochen spürt sie ein Ziehen im Nacken, das bis in die Schulter ausstrahlt. Besonders nach langen Bildschirmtagen fühlt sich ihr Nacken steif an, morgens ist es oft am schlimmsten. Sie hat weder Kribbeln in den Armen noch Kraftverlust in den Händen bemerkt. Trotzdem ist sie unsicher: Braucht sie ein Röntgenbild? Muss sie sich schonen? Auf der Suche nach Antworten stößt sie auf diesen Artikel.

Das solltest du wissen

Definition Nackenschmerzen: Als Nackenschmerz wird ein Schmerz in dem Gebiet bezeichnet, das oben durch die Nackenlinie am Hinterkopf, unten durch den ersten Brustwirbel und seitlich durch den Ansatz des Kapuzenmuskels (M. trapezius) begrenzt wird [1]. Nackenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden überhaupt: Fast jede zweite Person in Deutschland berichtet, innerhalb eines Jahres mindestens einmal betroffen gewesen zu sein [1].

Nach der Dauer werden Nackenschmerzen grob unterteilt in:

  • Akut: 0–3 Wochen
  • Subakut: 4–12 Wochen
  • Chronisch: länger als 12 Wochen

Diese Grenzen sind in der Praxis nicht immer scharf zu ziehen und für die Behandlung auch von untergeordneter Bedeutung [1].

In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle lässt sich keine konkrete strukturelle Ursache finden – man spricht dann von unspezifischem Nackenschmerz. Nur in weniger als 1 % der Fälle steckt eine ernstzunehmende Grunderkrankung dahinter, etwa eine Entzündung, eine Verletzung oder in sehr seltenen Fällen ein Tumor [1].

Unspezifischer Nackenschmerz oder doch mehr? Eine wichtige Abgrenzung.

Nicht jeder Nackenschmerz ist gleich zu behandeln. International wird häufig folgende Einteilung verwendet [1]:

  • Grad I: keine Hinweise auf eine bedeutsame strukturelle Ursache, kaum Einschränkungen im Alltag
  • Grad II: keine Hinweise auf eine bedeutsame strukturelle Ursache, aber spürbare Einschränkungen im Alltag
  • Grad III: zusätzlich neurologische Auffälligkeiten wie abgeschwächte Reflexe, Kraftverlust oder Sensibilitätsstörungen
  • Grad IV: Hinweise auf eine ernsthafte strukturelle Ursache (z. B. Bruch, Tumor, entzündliche Systemerkrankung)

Die Empfehlungen in diesem Artikel beziehen sich auf Grad I und II. Bei Anzeichen wie ausstrahlenden Schmerzen mit Kribbeln oder Kraftverlust im Arm, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, nächtlichem Schmerz ohne Besserung oder nach einem Unfall gehört eine ärztliche Abklärung immer dazu [1].

Wichtig zu wissen: Bildgebung (Röntgen, MRT) bringt bei unspezifischen Nackenschmerzen ohne solche Warnzeichen keinen nachgewiesenen Vorteil und wird deshalb nicht routinemäßig empfohlen [1]. Zufallsbefunde in der Bildgebung können sogar zu unnötiger Verunsicherung und unnötigen Behandlungen führen.


Was kann ich tun, wenn es mir geht wie Frau Weber?

Was hilft, ist gut belegt:

In Bewegung bleiben:  Körperliche Aktivität soll bei Nackenschmerzen aktiv empfohlen werden – sie lindert Schmerzen und verbessert die Funktion [1,2]. Welche konkrete Übungsform du wählst, ist dabei zweitrangig: Studien zeigen für ganz unterschiedliche Übungsansätze positive Effekte, entscheidend ist, dass du überhaupt aktiv bleibst und die Übungen zu dir passen.

Nicht ruhigstellen: Schonung oder Ruhigstellung des Nackens sollte vermieden werden – ein Nutzen ist nicht belegt, ein Risiko für Muskelabbau und Chronifizierung dagegen schon. [1]

Wärme nutzen: Die eigenständige Anwendung von Wärme, etwa ein warmes Kirschkernkissen, kann Schmerzen lindern und wird empfohlen. [1]

Aufklärung ernst nehmen: Zu verstehen, was hinter den Schmerzen steckt und dass Bewegung nicht schadet, verbessert nachweislich Schmerzen, Funktion und die Angst vor Bewegung (Kinesiophobie) [1,3]

Was in der Kombination mit aktivierenden Maßnahmen unterstützen kann:

Manipulation/Mobilisation: Kann nach sorgfältiger Abklärung angeboten werden, wobei die Studienlage bei einer Konsensstärke von von 78% insgesamt uneinheitlich ist.[1,5]

Weichteilbehandlungen (z. B. Massage) bei chronischen Beschwerden: können ergänzend eingesetzt werden, jedoch nie als alleinige Maßnahme. [1]

Anmerkung: Beide Verfahren sind in der Leitlinie nicht empfohlen, sondern lediglich als neutrale Option toleriert, am ehesten als ergänzende Beimischung zu einem aktiven Programm, nicht als eigenständig wirksame Maßnahme. Die genannten passiven Verfahren haben zudem gemeinsam, dass sie tendenziell eine passive Haltung fördern. Doch genau das steht dem eigentlichen Behandlungsziel entgegen: aktiv und selbstwirksam zu bleiben.

Entspannungsverfahren: können hilfreich sein, vor allem wenn Stress eine Rolle spielt. Viele Kurse zum Erlernen von Entspannungsverfahren werden als Präventionskurse von den gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst. Darüber hinaus bieten einige Krankenkassen Selbstlernkurse über das Internet an, etwa in Form von frei verfügbaren Videos und/oder im Rahmen von Apps auf gängigen Plattformen.[1]

Was nach aktueller Studienlage keinen belegten Zusatznutzen zeigt:
  • Elektrotherapie, Ultraschall und Lasertherapie [1]
  • Kinesiotaping [1]
  • Bäder, Fango, Rotlicht und Kryotherapie als verordnete Heilmittel [1]
  • Medikamentös: Paracetamol sowie Muskelrelaxanzien bei chronischen Beschwerden [1,4]

Fazit

Nackenschmerzen sind unangenehm, aber in aller Regel keine Gefahr für deine Halswirbelsäule. Der wirksamste Weg heraus führt über Bewegung, Wissen über die eigenen Beschwerden und gezielte Unterstützung durch Physiotherapie. Schonung, Bildgebung „auf Verdacht" und rein passive Anwendungen bringen dich dabei nicht weiter.



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Quellen

[1] Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). (2025). Nicht-spezifische Nackenschmerzen (S3-Leitlinie, AWMF-Registernummer 053-007, Version 3.0). https://register.awmf.org/assets/guidelines/053-007l_S3_Nackenschmerzen_2025-08.pdf

[2] Rasmussen-Barr, E., Halvorsen, M., Bohman, T., Boström, C., Dedering, Å., & Kuster, R. P. (2023). Summarizing the effects of different exercise types in chronic neck pain – a systematic review and meta-analysis of systematic reviews. BMC Musculoskeletal Disorders, 24(1), Artikel 806.

[3] Lin, L. H., Lin, T. Y., Chang, K. V., Wu, W. T., & Özçakar, L. (2024). Pain neuroscience education for reducing pain and kinesiophobia in patients with chronic neck pain: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. European Journal of Pain, 28(2), 231–243.

[4] Machado, G. C., Maher, C. G., Ferreira, P. H., Day, R. O., Pinheiro, M. B., & Ferreira, M. L. (2017). Non-steroidal anti-inflammatory drugs for spinal pain: A systematic review and meta-analysis. Annals of the Rheumatic Diseases, 76(7), 1269–1278.

[5] Gross, A., Langevin, P., Burnie, S. J., Bédard-Brochu, M. S., Empey, B., & Dugas, E. (2015). Manipulation and mobilisation for neck pain contrasted against an inactive control or another active treatment. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2015(9), Artikel CD004249.